Revolution, Ruinen, Reiseleiter, Rum und ein russisches Flugzeug

Kuba! Wenn nicht jetzt wann dann? Nachdem Raúl und Barack beschlossen haben wieder miteinander zu spielen und die ersten Fährverbindungen zwischen Miami und Havanna geplant werden, mussten wir dieses Ziel in den Reiseplan aufnehmen.

Havanna sehen und … na ja soweit wollen wir nicht gehen…

Aber Havanna sehen, bevor McDonalds, Starbucks und Kentucky Fried Chicken die Herrschaft auf der Insel der Oldtimer und des Salsa übernehmen war unser Ziel.

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Versuche eine individuelle Reise in Casas Particulares selbst zu organisieren schlugen fehl. Emails blieben nach ersten Rückmeldungen plötzlich unbeantwortet oder es gab erst gar keine Antwort und das lokale Viazul Bussystem machte aus der Ferne nur einen beschränkt zuverlässigen Eindruck. Diese Schwierigkeiten sorgten für eine folgenreiche Entscheidung: wir buchten eine geführte Tour. Alleine der Begriff sorgt bei uns gewöhnlich für ein Ziehen im Nackenbereich. Aber es sollte sich herausstellen, dass diese Entscheidung das Beste war was uns passieren konnte.

Für die erste Ernüchterung reichten wenige Stunden. Wir waren in der Zeit gereist und in der DDR gelandet. Nur 28 Grad Celsius Lufttemperatur, 80% Luftfeuchte und Palmen erinnerten an die Karibik, DDR in der Karibik.

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Der historische Kern von Havanna zeigt sich dem Touristen wie in Prospekten abgebildet. US Karossen aus den 50er Jahren, bunte Häuser im Art déco Stil gemischt mit alten Villen aus der Kolonialzeit. Gleichzeitig sind in der Stadt Spuren von mehr als 50 Jahren Sozialismus unübersehbar. Viele Gebäude haben ihr „End-of-live“ erreicht. Einem westlichen Besucher erscheint es unglaublich, wie dort noch Menschen leben können. Selbst mit unserem Süd-Amerika Blick erscheinen die Verhältnisse an vielen Stellen schlechter. Aber die Kubaner wissen sich zu helfen. Überall wird improvisiert und repariert was das Zeug hält. Vielleicht fahren deshalb noch so viele Lada Novas auf der Insel herum. „Um die Karre zu reparieren brauchst du nur einen Hammer“, versicherten uns die Kubaner.

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Als in unserem Hotel der Fahrstuhl seinen Dienst einstellt und wir den Reparaturtrupp mit einer traurig gefüllten (= fast leeren) Werkzeugkiste in den Schacht steigen sehen, erfasst uns ein gemischtes Gefühl aus Wut auf Politiker die seit Jahrzehnten ein Embargo über diese Insel verhängen und ihren Teil zur Lage beigetragen haben, Wut auf den Sozialismus der mal wieder bewiesen hat das er einfach nicht funktioniert und einem puren Überlebensinstinkt der uns veranlasst später den anderen Aufzug oder die Treppe zu benutzen.

Das Stromkabel für den Aufzug im Bacardi Gebäude
Das Stromkabel für den Aufzug im Bacardi Gebäude

Interessant ist, dass zumindest das offizielle Kuba (in Form unseres staatlichen Reiseleiters) den Sozialismus toll findet. Der Hinweis auf jede Hauswand an die Che gepinselt wurde und das trotzige „Socialismo o Muerte“ fehlt nie. Beim staunenden Besucher steigt der Gedanke auf das der Tod vielleicht doch nicht so schlecht…

…das Monster, es weis nicht welche Intelligenz, Charakter und Integrität es getötet hat...
…das Monster, es weis nicht welche Intelligenz, Charakter und Integrität es getötet hat…

Kurz gesagt, wir waren seit dem Tag unserer Ankunft von dieser Mischung gleichzeitig fasziniert und abgeschreckt.

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Das wirkliche Kuba Erlebnis begann am dritten Tag mit unserer Reisegruppe. Acht Touristen (4 Hamburger, 2 Schweizer und wir), unser linientreuer Reiseleiter und der (keine Ironie!) total tolle Busfahrer machten sich auf zu einem Road-Movie quer über die Insel. Es ist gar nicht möglich, alle Erlebnisse die uns Unverständnis, Kopfschütteln und im Anschluss das Lachen ins Gesicht trieben aufzuführen. Manche müssen aus Gründen der Diskretion verschwiegen werden.

Los ging es mit dem chinesischen Bus, bei dem Jeanette vor der ersten Abfahrt Teile der Lüftung zerlegte. Gut, auf Kuba chinesische Busse einzusetzen ist grenzenloser Optimismus. Russische Busse, ja das würde gehen. Aber Chinesische? Wer ist auf die Idee gekommen? Zurück zur Lüftung. Das kann man flicken. Etwas Plastikfolie hinein gestopft und die Funktion war wieder hergestellt. Wurde gelegentlich ein stärkerer Luftstrom gebraucht, reichte ab jetzt die Ansage: „Zieh mal die Tüte“.

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Eine kurze Stadtbesichtigung in Havanna führte uns dann zum Plaza de la Revolución auf dem Fiedel seine legendären Langzeitreden gehalten hat. Manche dauerten bis zu 12 Stunden. Vor zwei Wochen wurde er letztmalig gesehen. Da hat er aus einem Bus heraus gegrüßt. Vermutlich aus einem chinesischen.

Anschließend führte unser Weg nach Nord-Westen in eine der schönsten Regionen Kubas. Berge in die Landschaft getropft, wie aus versehen fallen gelassen. Diesen Ausblick genossen wir zwei Tage von unserem Hotel, das über einen WLAN-Hotspot verfügte den ich direkt nach unserer Ankunft gefunden hatte. Meine Freude währte aber nur kurz. Zur Nutzung war eine Pre-Paid Zugangskarte erforderlich. Kein Problem dachte ich. Die sollte sich doch an der Rezeption besorgen lassen…

Nein! Die Zugangskarten gab es im 3 Kilometer entfernten Ort und nur in einem staatlichen Telefonladen zu streng geregelten Öffnungszeiten. Also stand ich da, offline mit meinem Tablett und einem Wifi Hotspot. So nah und doch so fern. Aber die Aussicht war schön.

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Zum Glück konnten wir am Folgetag „kurz“ bei Empresa de Telecomunicaciones de Cuba (ETECSA) halten und die begehrten Zugangskarten beschaffen. Natürlich erst nachdem die Passdaten des zukünftigen Nutzers der kubanischen Telekommunikationsnetze amtlich notiert und in der EDV erfasst wurden. Glücklicherweise hatte Tim – unser Mitreisende aus der Schweiz – seinen Ausweis dabei und „opferte“ sich die Internetkarten für die ganze Gruppe zu beschaffen. So verschleiert man seine Online-Identität auf Kuba… (sie haben Tim aber wieder ausreisen lassen… denke ich… obwohl uns dafür bisher die Bestätigung fehlt).

Apropos Internet in Kuba. Wenn die Webseite nicht antwortet, weil die Internetverbindung wieder extrem langsam ist hat ETECSA einen Joker im Ärmel. Du drehst einfach die Pre-Paid Karte um, erblickst diese nette Dame und sprichst ein anhaltendes OM. Danach hat dein Browser die Seite vielleicht geladen. Wenn nicht, einfach wiederholen.

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Weiter ging es in die Provinz Cienfuegos im Süden der Insel. Dort zeigt sich, dass auch im Sozialismus manche etwas gleicher sind. Der Yachthafen der Provinzhauptstadt beherbergt einige nicht ganz preiswerte Schiffe. Unser Reiseleiter bestätigte, dass die Boote Kubanern gehören. Damit schien er kein ideologisches Problem zu haben. Vielleicht gehörten die Boote offiziell dem Staat und die Kubaner „leihen“ sie nur mal aus. Ich überlege kurz was Che wohl dazu gesagt hätte.

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Wir verbringen einen tollen Abend am Strand vor einer Bude mit den (angeblich) besten Mojitos der Insel. Außer uns waren den ganzen Abend keine weiteren Gäste dort. Vielleicht lag es daran, dass es dort zwei Tage vorher gebrannt hatte. Egal. Rum, Limettensaft, Minze, Rohrzucker und Sodawasser konnten vor den Flammen gerettet werden und waren ausreichend vorhanden. Mit 3 CUC waren die Mojitos ungewöhnlich teuer, aber sehr lecker! Und wie es sich für staatlich geführte Lokalitäten gehört, auch wenn (vor unserem Besuch) keine Nachfrage da ist, bleibt das Geschäft geöffnet. Vielleicht ist der Sozialismus doch nicht so… nein, bei „Socialismo o Muerte“ bin ich noch nicht angekommen. Die weiteren Ereignisse des Abends müssen aus Gründen der Diskretion verschwiegen werden. Nur soviel, wir haben am Ende mit 6 Personen 78 CUC bezahlt. Do the math.

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Nachdem wir am Folgetag den Plaza de la Revolución der Stadt besichtigten führte unsere Reise weiter in den Süden. Trinidad in der Provinz Sancti Spíritus war das Ziel. Die Stadt wurde 1988 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt und strahlt immer noch das Flair der Kolonialzeit aus. Es fällt aber auch auf, dass die Versorgungslage der Bevölkerung im Süden schlechter wird. Staatliche Läden verteilen das Nötigste gegen Vorlage von Lebensmittelkarten. Nur eines gibt es im Überfluss. Rum! Havanna Club bis zum Abwinken und zu Schleuderpreisen.

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Im staatlich freien Einzelhandel, außer Eiern nicht viel zu holen…

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Weiter geht es nach Camagüey und einen Tag später nach Bayamo. Was wir dort wollten kann ich nicht so genau sagen. Außer der Besichtigung des obligatorischen Plaza de la Revolución gab es in beiden Städte nicht viel zu sehen. Aber wir hatten Spaß im Bus.

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Am Ende führte uns die Reise in die Sierra Maestra. In dem Gebirgszug lag das Hauptquartier der Bewegung des 26. Juli, die unter Führung von Fiedel 1959 Batista von der Insel jagte. Unser Reiseleiter hatte natürlich den revolutionären Zusammenhang im Blick. Uns gefiel eher die unberührte Natur, die wir auf einer ausgiebigen Wanderung erkundeten. Natürlich nicht ohne revolutionären Zusammenstoß mit dem örtlichen Bürgermeister.

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Abschließend warteten in Santiago de Cuba noch zwei Highlights auf uns. Die Kaserne, die Fidel 1953 vergeblich versuchte mit 115 Gefolgsleuten zu stürmen – 1500 Soldaten stellen für einen echten Revolutionär mental kein Hindernis dar – und der Plaza de la Revolución mit dem Balkon von dem Fidel im Jahr 1959 den Sieg der Revolution verkündete.

Von diesem Balkon verkündete Fidel 1959 den Sieg der Revolution
Von diesem Balkon verkündete Fidel 1959 den Sieg der Revolution

Unsere Reise näherte sich dem Ende. Für den Folgetag war der Rückflug nach Havanna mit Cubana geplant. Wir checkten gegen 21 Uhr am Flughafen von Holgin ein. Zehn Kilogramm Übergepäck eröffneten mir den Einblick in die verschlungenen Wege der kubanischen Gebührenkalkulation. Anstatt einen festen Satz pro Kilo zu berechnen wird bei Cubana das Übergepäck nach einem prozentualen Schlüssel des gezahlten Ticketpreises kalkuliert. Das erfolgt aber nicht beim Check-In und bezahlen per Kreditkarte geht schon gar nicht. Erforderlich ist ein Besuch im Cubana Büro am Airport. Während des – etwas umständlichen – Barzahlungsprozesses erfuhr ich von dem Angestellten der Fluglinie das wir heute Abend Glück hätten. Wir würden mit einer Antonov 148 fliegen, die Cubana erst vor einem Jahr gekauft hätte. Also kein Grund zur Sorge… ich muss besorgt ausgesehen haben…

Check in am Flughafen Holgin
Check in am Flughafen Holgin

Geplanter Abflug 23:05 Uhr, aber wir waren schon auf das Schlimmste eingestellt. Tim und Anja (unsere Mitreisenden aus der Schweiz) hatten auf ihrem Hinflug von Mexico bereits Erfahrungen mit Cubana und 17 Stunden Verspätung gesammelt. Die Durchsage das unser Flug nicht pünktlich wäre überraschte daher niemanden. Bedenklich war, dass der Vorrat an Getränken in der Flughafenbar zur Neige ging. „Socialismo o Muerte“. Ich sah das Muerte auf uns zu kommen, wenn die wartenden Passagiere nichts mehr zu trinken bekommen.

Der Flughafen von Holgin ist nachts ein Juwel für Beobachter. Zwischen Landungen und Starts wird die gesamte (!) Beleuchtung des Rollfeldes ausgeschaltet. Immer wenn das Licht angeht passiert etwas. Während ich die Landung einer Maschine aus Venezuela beobachtete machte ich mir Gedanken was wohl passiert, wenn mal einer beim Start oder einer Landung an den Schalter kommt.

Unser Reiseleiter, der von sich behauptete immer einen Plan B in der Tasche zu haben (gesehen habe ich einen Plan B nie, auch wenn er während der Reise viele Gelegenheiten gehabt hätte sie zu zeigen), antwortete auf die Frage was wir machen wenn der Flieger nicht mehr kommt: „Dann nehmen wir das Ding aus Venezuela“. Dabei zuckte er nicht mal. Er meinte es ernst.

Zum Glück musste er diesen Plan B nicht beweisen. Gegen 0:15 rollte unser Flieger vor dem Terminal aus. Irgendwer hatte wieder am Schalter für die Beleuchtung der Rollbahn gefummelt. Wahrscheinlich drehte es seit eineinhalb Stunden Kreise über dem Platz und war nur deshalb zu spät.

Auf kleinen Flughäfen fällt es leicht zu beobachten ob das eigene Gepäck verladen wird. Wir schöpften Hoffnung doch noch in dieser Nacht nach Havanna zu kommen, als unsere Koffer im Bauch der Antonov 148 im Besitz von Illjuschin Financing verschwanden. Kurz erinnerte ich mich an die Aussage des Cubana Mitarbeiters das sie die Maschine erst vor einem Jahr gekauft hätten. War es vielleicht doch nicht unsere Maschine? Boarding um 0:45 Uhr, eindeutig zu spät um dieser Frage nachzugehen. Abflug um 1 Uhr Morgens. Ruhiger Flug. In Havanna brannte am Airport noch Licht. Glück gehabt.

Fazit Kuba

Tolle Landschaft, aber auf die Liste der schnell noch einmal zu besuchenden Länder kommt Kuba nicht. Wir kommen erst wieder wenn es McDonalds, Starbucks und Kentucky Fried Chicken gibt (ACHTUNG: Ironie).

Auf diesem Weg ein Dank an alle die uns auf dieser Reise begleitet haben. Ohne euch wäre es sehr anstrengend gewesen. Mit euch waren es zwei außergewöhnlich tolle Wochen im Chaos die wir nicht mehr vergessen werden!

…und wenn noch mal ein Reiseleiter auftaucht und mir etwas über Socialismo oder einen Plaza de la Revolución erzählen will, der bekommt aber so was von…

Ein Kommentar zu “Revolution, Ruinen, Reiseleiter, Rum und ein russisches Flugzeug

  1. Liebe Jeannette, Lieber Dirk.
    Bin gerade fuer zwei Tage in Zeven und besuche meine Mutter. Hab ihr gerade Euren Reiseblog gezeigt. Sie laesst Euch herzlichst Gruessen. Bei mir geht es Donnerstag weiter nach London. Bin dann am Wochenende wieder in NYC. Geniesst weiterhin Eure Reise. Was ist das naechste Ziel nach Kuba?
    LG
    Stefan

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